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Apps5 Min. lesen · Herbst 2026

Babytakt in zwölf Sprachen: Wörter wählen statt übersetzen

Sätze sind schnell übersetzt. Schwierig sind Knöpfe, Mehrzahl, Anrede und Leserichtung.

Babytakt spricht zwölf Sprachen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Türkisch, Russisch, Ukrainisch, Rumänisch, Arabisch und Portugiesisch. Englisch kam früh dazu. Nicht, weil jemand danach gefragt hätte, sondern weil eine Sprache nachträglich einzuziehen den halben Code anfasst. Die letzten fünf kamen an einem einzigen Tag.

Der Gedanke hinter der Auswahl: Eine türkische Mutter in Duisburg lädt die App aus dem deutschen Store, ihr Telefon steht aber auf Türkisch. Sie braucht keinen türkischen Store-Eintrag. Sie braucht eine türkische App.

Der Kern schreibt keine Sätze

Der gemeinsame Kern der App rechnet und zählt, Sätze formuliert er nicht. „1 Windel“, „2 Windeln“: Das kann nur die eingestellte Sprache entscheiden. Also liefert der Kern Zahlen und Zustände, und jede Sprache baut daraus ihren Satz. Das ist nötig: Polnisch hat vier Mehrzahlformen, Arabisch sechs. Die 25 Mehrzahl-Texte der App haben auf Arabisch 150 Formen.

Zweite Regel: nie am Wortlaut erkennen, was passiert ist. Eine frühe Stelle im Code prüfte, ob ein Text mit „Gesichert“ beginnt. Auf Englisch wäre sie still falsch abgebogen.

Knöpfe sind hart, Sätze nicht

In der gemeinsamen Textdatei der App stehen 1.141 Texte. Lange Sätze sind kein Problem, sie brechen einfach um. Schwierig sind Knöpfe mit fester Breite. „Alimentación complementaria“ ist die korrekte spanische Übersetzung von Beikost, 27 Zeichen lang. Auf den Knopf gehört trotzdem „Papillas“. Beschriftungen werden deshalb gewählt, nicht übersetzt. Auf Ukrainisch heißt Stillen ausgeschrieben „годування груддю“, auf dem Knopf steht „Груди“.

Auch der Ton wird nicht übersetzt. Die Fragen im Album entstehen in jeder Sprache neu: derselbe Ton, nicht derselbe Satz. Sie fragen nie nach einer Fähigkeit und kommen ohne Pronomen für das Kind aus.

Links die Startseite bei Nacht auf Arabisch, rechts auf Ukrainisch:

Babytakt nachts auf Arabisch und Ukrainisch: links von rechts nach links gespiegelt, rechts mit dem kurzen Knopfwort „Груди“ für Stillen

Ein Wörterbuch je Sprache

Für die fünf neuen Sprachen gibt es je ein eigenes Wörterbuch. Es gilt für App, Widget, Uhr, Hilfe, Store und Website, damit überall dieselben Wörter stehen. Darin stehen auch die kleinen Dinge: Russisch schreibt immer ё, Ukrainisch den typografischen Apostroph, Rumänisch ș und ț mit Komma statt Cedille. Das ukrainische Wörterbuch ist aus dem russischen abgeleitet, aber jedes Wort ist ukrainisch gewählt. Portugiesisch ist brasilianisch und sagt „mamadeira“, nicht „biberão“. Wo Wörterbuch und App sich widersprechen, gilt die App.

Arabisch war die größte Umstellung. Die Sprachwahl setzt jetzt auch die Leserichtung, und die ganze Oberfläche dreht sich um. Die Uhr kann das ebenfalls.

Die Liste „Mehr“ auf der Uhr, links auf Ukrainisch von links nach rechts, rechts auf Arabisch gespiegelt

Schwieriger als die Richtung war die Anrede. Das deutsche „du“ ist im Arabischen nach Geschlecht gebeugt, und die App spricht Mütter wie Väter an. Knöpfe stehen deshalb als Verbalnomen, also „Speichern“ statt „Speichere!“, Hilfesätze im Passiv. Das Kind bleibt ohne Geschlecht, auch wenn sein Name im Satz steht. Die Ziffern sind lateinisch, und die Monate tragen die levantinischen Namen, wie man sie etwa in Syrien und im Libanon kennt.

Nicht alles dreht sich mit. Das Widget auf dem Startbildschirm folgt der Sprache des Telefons, nicht der App. Steht das Telefon auf Deutsch und die App auf Arabisch, läuft das Widget von links nach rechts. Geteilte Karten zeichnet die App ebenfalls weiter von links nach rechts. Und ob die Wochenbalken in der Auswertung andersherum laufen müssten, will ich jemanden fragen, der Arabisch liest.

Schriften ohne Kyrillisch und Arabisch

Die beiden Schriften der App haben weder kyrillische noch arabische Zeichen. Auf Android springt für diese Buchstaben die Systemschrift ein, die Ziffern bleiben in der App-Schrift. Bei Kyrillisch fällt das am Emulator kaum auf, auf dem iPhone habe ich es noch nicht geprüft.

Prüfen, was lint nicht prüft

Die Sprachwacht, ein kleines Skript, prüft die Übersetzungen, bevor der Build es tut: Hat jede Sprache jeden Text? Stimmen die Platzhalter? Steht irgendwo sichtbarer Text fest im Code? Platzhalter prüft Androids lint gar nicht. Ein vertauschtes %1$s fiele sonst erst zur Laufzeit auf, in einer Sprache, die man selbst nicht liest. Heute meldet die Wacht für alle zwölf Sprachen „sauber“.

Ihre Regeln sind aus Fehlern entstanden. Einmal stand nach dem Sichern „Gesichert: %d KB“ auf dem Bildschirm, knapp vier Wochen lang und in allen damals sieben Sprachen. Die gemeinsamen Texte ersetzen nur nummerierte Platzhalter, also prüft die Wacht seitdem auch das. Ein anderes Mal meldete sie „sauber“, obwohl sie nach einem Umzug der Texte nur noch 23 von 571 Einträgen ansah. Seitdem steht im Skript: Eine Prüfung, die grün ist, während die Hälfte ungeprüft bleibt, ist schlimmer als gar keine.

Dazu kommt ein kleiner Test. Wer bei der Einrichtung keinen Namen einträgt, dessen Kind heißt zunächst „Mein Kind“, je nach Sprache des Telefons auch „My child“ oder „Моя дитина“. Die App muss jede dieser Fassungen als „ohne Namen“ erkennen. Sonst hieße das Kind nach einem Sprachwechsel plötzlich „My child“ statt „Name eintragen“. Der Test zählt die Sprachen und schlägt an, sobald eine neue ohne ihren Platzhalter dazukommt.

Was noch fehlt

Außer bei Deutsch und Englisch hat bisher kein Muttersprachler gegengelesen. Unter der Sprachwahl steht deshalb: „Klingt ein Wort schief? Melde es uns — wir bessern nach.“ Wer den Fehler sieht, kann ihn am besten beheben. Das Wort für die Komplikation auf der Uhr habe ich auf Russisch, Ukrainisch und Arabisch umschrieben, weil ich mir beim offiziellen Begriff nicht sicher war.

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